Depressionen – mögliche Ursachen aus systemischer Sicht
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Depressionen können viele unterschiedliche Ursachen haben. Neben körperlichen, psychischen und belastenden Lebensereignissen können aus systemischer Sicht auch unbewusste Zusammenhänge innerhalb des Familiensystems eine Rolle spielen. In meiner Arbeit mit Familienaufstellungen habe ich immer wieder erlebt, dass sich dabei Verbindungen zu nicht gesehenen oder nicht geachteten Toten zeigen können. Dazu können zum Beispiel früh verstorbene Familienmitglieder, Fehlgeburten, abgetriebene Kinder oder Menschen gehören, die durch Krieg, Gewalt oder andere schwere Schicksale ums Leben gekommen sind und deren Geschichte innerhalb der Familie keinen angemessenen Platz bekommen hat.
Zwei Aufstellungen mit schwer depressiven und suizidgefährdeten Frauen sind mir dabei besonders in Erinnerung geblieben. Die beiden Frauen kannten sich nicht und nahmen zu unterschiedlichen Zeiten an meinen Seminaren teil. Dennoch zeigte sich in ihren Aufstellungen eine erstaunliche Gemeinsamkeit. Depressionen können viele unterschiedliche Ursachen haben. Neben körperlichen, psychischen und belastenden Lebensereignissen können aus systemischer Sicht auch unbewusste Zusammenhänge innerhalb des Familiensystems eine Rolle spielen. In meiner Arbeit mit Familienaufstellungen habe ich immer wieder erlebt, dass sich dabei Verbindungen zu nicht gesehenen oder nicht geachteten Toten zeigen können. Dazu können zum Beispiel früh verstorbene Familienmitglieder, Fehlgeburten, abgetriebene Kinder oder Menschen gehören, die durch Krieg, Gewalt oder andere schwere Schicksale ums Leben gekommen sind und deren Geschichte innerhalb der Familie keinen angemessenen Platz bekommen hat.
Zwei Aufstellungen mit schwer depressiven und suizidgefährdeten Frauen sind mir dabei besonders in Erinnerung geblieben. Die beiden Frauen kannten sich nicht und nahmen zu unterschiedlichen Zeiten an meinen Seminaren teil. Dennoch zeigte sich in ihren Aufstellungen eine erstaunliche Gemeinsamkeit.
Krankheiten und körperliche oder seelische Beschwerden können aus systemischer Sicht sehr unterschiedliche Hintergründe haben. Warum es für mich nicht die eine Ursache für eine Krankheit gibt, erkläre ich ausführlicher in meinem Beitrag „Krankheiten – mögliche Ursachen und ihre Bedeutung aus systemischer Sicht“.
Was können Depressionen aus systemischer Sicht bedeuten?
In einer Familienaufstellung betrachten wir eine Depression nicht nur als ein Problem des betroffenen Menschen. Wir schauen auch darauf, ob es innerhalb des Familiensystems schwere Schicksale, Verluste oder Menschen gibt, die möglicherweise nicht gesehen oder nicht ausreichend geachtet wurden.
Aus meiner Erfahrung können daraus unbewusste Bindungen entstehen. Ein Mensch kann sich mit dem Schicksal eines anderen Familienmitglieds verbunden fühlen, obwohl er von dessen Geschichte möglicherweise überhaupt nichts weiß. In einer Familienaufstellung können solche Verbindungen durch die Reaktionen der Stellvertreter sichtbar werden.
Eine Frau mit schweren Depressionen und Suizidgedanken
Eine dieser Frauen war Anfang 50 und litt unter schweren Depressionen. Aufgrund ihrer Erkrankung war sie bereits frühberentet und nahm Antidepressiva in hoher Dosierung.
Ich kannte sie aus einer früheren Zeit und begegnete ihr eines Tages zufällig auf der Straße. Sie machte auf mich einen sehr bedrückten Eindruck. Im Gespräch erzählte sie mir schließlich, wie schlecht es ihr tatsächlich ging.
Besonders erschütternd war ihre Aussage, dass sie jeden Tag zum Bahnhof fuhr und dort auf einen Zug wartete – nicht, um einzusteigen. Ihre Suizidgedanken waren zu diesem Zeitpunkt sehr konkret.
Ich lud sie daraufhin zu einem meiner Seminare für Familienaufstellung ein. Sie nahm die Einladung an und stellte dort ihr eigenes Familiensystem auf.
Was zeigte sich in der Familienaufstellung?
Schon zu Beginn der Aufstellung zeigte sich durch die Reaktionen der Stellvertreter etwas Auffälliges. Mehrere Blicke richteten sich immer wieder auf eine bestimmte Stelle am Boden. Aus meiner Erfahrung ist das häufig ein Hinweis darauf, dass im Familiensystem ein verstorbener Mensch eine Rolle spielen könnte, der bislang nicht gesehen oder nicht ausreichend geachtet wurde.
Ich fragte die Frau deshalb, ob sie eine Ahnung habe, wer dieser Verstorbene sein könnte. Ich fragte nach Fehlgeburten und Abtreibungen – sowohl bei ihr selbst als auch bei ihrer Mutter. Doch sie konnte zunächst keinen Zusammenhang erkennen.
Dann hatte ich während der Aufstellung einen Impuls. Ohne der Klientin zu sagen, was ich vermutete, ließ ich eine weitere Person stellvertretend für jemanden an einer bestimmten Stelle auf dem Boden liegen.
In diesem Moment geschah etwas sehr Eindrückliches: Sowohl die Klientin, die noch außerhalb der Aufstellung auf ihrem Stuhl saß, als auch ihre Stellvertreterin begannen gleichzeitig zu weinen. Beide hatten den starken Impuls, zu dieser Person auf den Boden zu gehen und sich zu ihr zu legen.
Für mich war damit deutlich, dass wir auf eine sehr starke Verbindung gestoßen waren. Erst jetzt erklärte ich der Klientin meine Vermutung: Bei der Person auf dem Boden könnte es sich um einen nicht geborenen Zwilling von ihr handeln.
Daraufhin schaute sie mich überrascht an und sagte sinngemäß:„Jetzt, wo du das sagst, Olaf – meine Mutter hat immer gesagt, sie hätte das Gefühl gehabt, wir wären zwei gewesen.“
Der nicht geborene Zwilling – eine unbewusste Verbindung?
In den 1960er-Jahren, als diese Frau geboren wurde, waren die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik noch längst nicht so weit entwickelt wie heute. Ob zu Beginn einer Schwangerschaft möglicherweise zwei Kinder angelegt waren und eines davon sehr früh verloren ging, blieb deshalb häufig unbemerkt.
Aus der Familienaufstellung kenne ich immer wieder Situationen, in denen sich eine sehr starke Bindung zu einem früh verstorbenen oder nicht geborenen Geschwister zeigt. Besonders bei Zwillingen kann diese Verbindung aus systemischer Sicht eine große Bedeutung haben – selbst dann, wenn der überlebende Zwilling bewusst überhaupt nichts von dem anderen Kind weiß.
In der Aufstellung dieser Frau zeigte sich eine starke Hinwendung zu dem vermuteten nicht geborenen Zwilling. Sowohl sie selbst als auch ihre Stellvertreterin wollten zu ihm auf den Boden und sich zu ihm legen.
Systemisch betrachtet stellte sich für mich deshalb die Frage: Könnte hinter ihrer starken Todessehnsucht auch eine unbewusste Sehnsucht nach diesem nicht geborenen Zwilling stehen?
Genau an diesem Punkt begann in der Familienaufstellung der Lösungsprozess. Es ging nicht darum, den verstorbenen Zwilling zu vergessen oder aus dem Familiensystem auszuschließen. Im Gegenteil: Er sollte seinen Platz bekommen und geachtet werden – und gleichzeitig sollte die Frau wieder ihren eigenen Platz bei den Lebenden einnehmen können.
Der Lösungsprozess: „Geh du in dein Leben“
Im weiteren Verlauf der Familienaufstellung ging es darum, die Verbindung zwischen der Frau und ihrem nicht geborenen Zwilling neu zu ordnen. Dazu wurde die Begegnung zwischen ihr und dem Stellvertreter ihres Zwillings unmittelbar erlebbar gemacht.
Ich bat die Frau, ihrem Zwilling sinngemäß zu sagen:„Ich will zu dir.“
Die Reaktion des Stellvertreters war eindeutig. Sinngemäß antwortete er:„Du hast hier nichts zu suchen. Ich bin tot. Das ist mein Schicksal – aber du gehörst zu den Lebenden.“
Genau darin liegt ein wichtiger Teil der Lösungsarbeit. Der verstorbene Zwilling bekommt seinen Platz und wird als Teil des Familiensystems gesehen und geachtet. Gleichzeitig darf der überlebende Zwilling erkennen, dass er nicht das gleiche Schicksal teilen muss.
Im weiteren Lösungsprozess kamen Sätze wie:
„Geh du in dein Leben. Mach etwas aus deinem Leben, damit mein Schicksal nicht umsonst war. Meinen Segen hast du.“
Für die Frau bedeutete dies, die tiefe Verbindung zu ihrem Zwilling nicht aufzugeben, sondern sie auf eine andere Weise anzunehmen: Der Zwilling durfte zu den Toten gehören – und sie selbst durfte sich wieder den Lebenden und ihrem eigenen Leben zuwenden.
Aus systemischer Sicht konnte damit etwas neu geordnet werden: Die Verbindung durfte bleiben, ohne dass sie dem verstorbenen Zwilling in dessen Schicksal folgen musste.
Was geschah ein halbes Jahr später?
Etwa ein halbes Jahr nach dieser Familienaufstellung begegnete ich der Frau zufällig wieder. Ich hatte in der Zwischenzeit keinen Kontakt zu ihr gehabt und auch nicht nachgefragt, wie es ihr nach der Aufstellung ergangen war.
Als ich sie sah, fiel mir sofort ihre veränderte Ausstrahlung auf. Sie wirkte fröhlich und lebendig – ganz anders als bei unserer Begegnung vor der Familienaufstellung.
Sie erzählte mir, dass sie nicht mehr zum Bahnhof fuhr und dass es ihr inzwischen richtig gut gehe. Auch die zuvor hoch dosierten Antidepressiva waren bereits weitgehend reduziert worden. Wichtig dabei: Das Absetzen bzw. Reduzieren der Medikamente geschah gemeinsam mit ihrem behandelnden Arzt.
Für mich war diese Begegnung eine sehr eindrückliche Erfahrung. Die zeitliche Veränderung nach der Familienaufstellung beweist natürlich nicht, dass der nicht geborene Zwilling die alleinige Ursache ihrer Depression gewesen war oder dass eine Familienaufstellung Depressionen grundsätzlich auflösen kann. Sie zeigt jedoch, welche Bedeutung eine bislang unbewusste Verbindung innerhalb eines Familiensystems für einen Menschen haben kann – und was sich verändern kann, wenn eine solche Verbindung gesehen, geachtet und neu geordnet wird.
Auch in anderen Familienaufstellungen habe ich erlebt, dass sich der Zustand von Menschen mit Depressionen nach einer Aufstellung deutlich verändert hat. Einige dieser Menschen hatten zuvor bereits sehr lange Leidens- und Behandlungswege hinter sich. In einzelnen Fällen wurden Antidepressiva kurze Zeit nach der Aufstellung in Absprache mit dem behandelnden Arzt abgesetzt und nach meinem heutigen Kenntnisstand bis heute nicht wieder benötigt.
Solche Erfahrungen sind für mich immer wieder beeindruckend. Sie zeigen, welche tiefgreifenden Veränderungen nach einer Familienaufstellung möglich sein können. Wichtig ist mir dabei jedoch: Antidepressiva dürfen niemals eigenständig reduziert oder abgesetzt werden. Eine Veränderung der Medikation sollte immer gemeinsam mit dem depressionen-–-mögliche-ursachen-aus-systemischer-sichtbehandelnden Arzt erfolgen.
Depressionen Ursachen: Wenn schwere Schicksale im Familiensystem wirken
In meiner Arbeit mit Familienaufstellungen erlebe ich immer wieder, dass verstorbene oder nicht geborene Familienmitglieder im Familiensystem eine besondere Bedeutung bekommen können, wenn über ihr Schicksal nicht gesprochen wurde oder sie keinen angemessenen Platz in der Familiengeschichte erhalten haben.
Das können zum Beispiel Fehlgeburten oder Abtreibungen sein, früh verstorbene Kinder oder Geschwister, aber auch Menschen, die durch Krieg, Flucht, Gewalt oder andere schwere Ereignisse ums Leben gekommen sind. Gerade in früheren Generationen wurde über viele dieser Erlebnisse häufig geschwiegen. Manchmal waren die Erfahrungen so schmerzhaft oder mit so viel Scham verbunden, dass sie innerhalb der Familie praktisch „totgeschwiegen“ wurden.
Aus systemischer Sicht bedeutet dieses Schweigen jedoch nicht zwangsläufig, dass das Geschehene für die nachfolgenden Generationen keine Bedeutung mehr hat. In Familienaufstellungen kann sich zeigen, dass ein später geborenes Familienmitglied unbewusst mit einem solchen Schicksal verbunden ist oder etwas davon stellvertretend trägt.
In der Aufstellungsarbeit geht es deshalb darum, das Verborgene sichtbar zu machen, dem betreffenden Menschen und seinem Schicksal wieder einen Platz im Familiensystem zu geben und die unbewusste Verbindung neu zu ordnen. Derjenige, der heute stellvertretend etwas trägt, kann dann möglicherweise zurückgeben, was ursprünglich gar nicht zu ihm gehört.
Das Beispiel im Video: Depressionen und Familienaufstellung
In diesem Video erzähle ich diese Familienaufstellung noch einmal persönlich und erkläre, was sich damals gezeigt hat und wie ich den Zusammenhang zwischen Depressionen, Suizidgedanken und einem nicht gesehenen Familienmitglied aus systemischer Sicht verstehe.
Was kann ich bei Depressionen tun?
Depressionen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Eine Familienaufstellung kann eine Möglichkeit sein, zusätzlich auf die familiären und systemischen Hintergründe zu schauen. Dabei können Verbindungen und Verstrickungen sichtbar werden, die dem betroffenen Menschen vorher nicht bewusst waren, und es kann daran gearbeitet werden, diese aufzulösen.
Gerade wenn Menschen schon einen langen Leidensweg hinter sich haben, kann es sinnvoll sein, auch diese systemische Ebene zu betrachten. In meiner Arbeit zeigt sich dabei oft sehr schnell eine mögliche Ursache innerhalb des Familiensystems. Häufig begegnen uns nicht gesehene oder nicht ausreichend geachtete Tote, schwere Schicksalsschläge oder andere unbewusste Verbindungen zu früheren Generationen. Werden diese Zusammenhänge erkannt und die dahinterliegenden Verstrickungen in der Familienaufstellung neu geordnet, kann sich für den betroffenen Menschen ein möglicher Lösungsweg eröffnen.
Du möchtest wissen, ob eine Familienaufstellung für dich sinnvoll sein könnte?
In einem kostenlosen telefonischen Erstgespräch von 60 Minuten können wir gemeinsam schauen, worum es bei deinem Thema geht und ob eine Familienaufstellung ein möglicher Lösungsweg für dich sein könnte.

Weitere Lösungswege mit Familienaufstellung
Auch bei ganz anderen Themen können sich in einer Familienaufstellung unbewusste Verbindungen innerhalb des Familiensystems zeigen. In meinem Beitrag „Bettnässen bei Kindern – mögliche Ursachen aus systemischer Sicht“ zeige ich anhand eines weiteren Fallbeispiels, wie solche Zusammenhänge sichtbar und aufgelöst werden können.






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