Krankheiten – mögliche Ursachen und ihre Bedeutung aus systemischer Sicht
Krankheiten können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Körperliche und medizinische Zusammenhänge gehören dabei selbstverständlich sorgfältig abgeklärt und behandelt. In meiner Arbeit mit Familienaufstellungen stelle ich zusätzlich eine andere Frage: Kann eine Krankheit neben ihrer medizinischen Ursache auch auf einen ungelösten Zusammenhang innerhalb des Familiensystems hinweisen?
In über 25 Jahren Aufstellungsarbeit habe ich immer wieder erlebt, dass körperliche Beschwerden und Krankheiten in einer Aufstellung eine erstaunliche Verbindung zu familiären Schicksalen, Verstrickungen oder ungelösten Themen zeigen können. Dabei interessiert mich nicht nur die Frage: „Woher kommt die Krankheit?“, sondern auch: „Welche Bedeutung oder Funktion könnte sie für diesen Menschen innerhalb seines Familiensystems haben?“
Manchmal zeigt sich dabei etwas Überraschendes: Ein Symptom, das der betroffene Mensch verständlicherweise einfach nur loswerden möchte, scheint innerhalb der Aufstellung auf etwas aufmerksam zu machen, das bisher nicht gesehen werden konnte oder wollte.
Genau darum geht es in diesem Beitrag. Anhand eines konkreten Fallbeispiels aus meiner Praxis möchte ich zeigen, wie wir in einer Familienaufstellung nach solchen möglichen Zusammenhängen suchen und was sich dadurch verändern kann.
Nicht nur das Symptom betrachten – sondern nach der Ursache suchen
Um zu erklären, wie ich in der Aufstellungsarbeit an Krankheiten herangehe, benutze ich gerne das Beispiel mit der Ölkontrollleuchte im Auto.
Wenn während der Fahrt die Öllampe aufleuchtet, können wir natürlich versuchen, dafür zu sorgen, dass die Lampe nicht mehr leuchtet. Wir könnten sie abkleben oder sogar ausbauen. Dann wäre das Warnsignal verschwunden – aber die Ursache dafür wäre immer noch da.
Sinnvoller wäre es, die Motorhaube zu öffnen, den Ölstand zu kontrollieren und herauszufinden: Warum leuchtet diese Lampe überhaupt?
Genau diese Frage interessiert mich auch in einer Familienaufstellung. Wenn ein Mensch mit einer Krankheit oder einem körperlichen Symptom zu mir kommt, schaue ich nicht nur auf das Symptom selbst. Ich möchte herausfinden: Warum ist es da? Gibt es innerhalb des Familiensystems einen Zusammenhang oder eine Verstrickung, auf die es möglicherweise aufmerksam macht?
Dafür stelle ich häufig neben dem betroffenen Menschen auch einen Stellvertreter für die Krankheit oder das Symptom auf. Und dann beobachten wir, was geschieht: Wohin zieht es die Krankheit? Auf wen oder was reagiert sie? Und welche Zusammenhänge innerhalb des Familiensystems zeigen sich?
Es geht also nicht darum, die leuchtende Lampe einfach auszuschalten. Es geht zunächst darum herauszufinden, warum sie überhaupt leuchtet. Beim Auto wäre das der erste Schritt: Wir stellen fest, dass Öl fehlt. Aber damit ist das Problem noch nicht gelöst. Erst wenn wir anschließend das fehlende Öl nachfüllen, haben wir auch etwas an der Ursache verändert.
Ähnlich gehe ich in einer Familienaufstellung vor: Im ersten Schritt suchen wir nach der möglichen systemischen Ursache. Im zweiten Schritt arbeiten wir daran, die dahinterliegende Verstrickung kraftvoll aufzulösen und innerhalb des Familiensystems wieder in eine gute Ordnung zu bringen.
Dass sich solche möglichen familiären Zusammenhänge auch bei Kindern zeigen können, beschreibe ich in meinem Fallbeispiel „Bettnässen bei Kindern – mögliche Ursachen aus systemischer Sicht“.
Wenn die Krankheit durch die Tür kommt, redet der Körper mit uns
Ich sage in meinen Seminaren gerne: „Wenn die Krankheit durch die Tür kommt, redet der Körper mit uns.“
Für mich bedeutet das: Der Körper macht möglicherweise auf etwas aufmerksam, das wir vorher nicht gesehen, nicht wahrgenommen oder vielleicht auch lange verdrängt haben.
Dazu passt ein Satz, den ich ebenfalls gerne verwende: „Die Seele sagt zum Körper: Tu du etwas für mich. Auf mich hört er nicht mehr.“
Genau deshalb interessiert mich bei einer Krankheit nicht nur die Frage, was der Mensch hat. Mich interessiert vor allem: Warum ist dieses Symptom da? Was könnte es uns zeigen? Und welche Aufgabe oder Funktion könnte es möglicherweise übernommen haben?
Denn manchmal erleben wir in einer Familienaufstellung etwas zunächst völlig Überraschendes: Ein Mensch möchte seine Krankheit unbedingt loswerden – und gleichzeitig zeigt sich, dass genau diese Krankheit innerhalb seines Systems eine wichtige Funktion übernommen hat.
Ein sehr eindrückliches Beispiel dafür habe ich mit einer Frau erlebt, die mit einer ganzen Reihe von Krankheiten und Allergien zu mir in ein Seminar kam.
Ein Fallbeispiel: Wenn die Krankheit eine Funktion übernimmt
Eine Frau, die ich aus meiner Praxis kannte, litt unter zahlreichen Allergien und unterschiedlichen körperlichen Beschwerden. Sie beschäftigte sich sehr intensiv mit ihrer Gesundheit, kannte viele Nahrungsergänzungsmittel und versuchte auf unterschiedliche Weise, ihre Beschwerden in den Griff zu bekommen.
Irgendwann kam sie zu einem meiner Seminare und formulierte ihren Wunsch sehr deutlich: „Ich möchte diese ganzen Krankheiten und Allergien endlich loswerden. Ich möchte frei sein.“
Also stellte ich zunächst zwei Stellvertreter auf: einen für die Frau selbst und einen für die Gesamtheit ihrer Krankheiten und Beschwerden. Beide standen zunächst weit voneinander entfernt im Raum.
Doch kaum begann die Aufstellung, geschah etwas völlig Unerwartetes: Der Stellvertreter für die Krankheiten ging direkt auf die Stellvertreterin der Frau zu. Die beiden nahmen sich in den Arm und standen schließlich da wie ein Liebespaar.
Die Stellvertreterin der Frau sagte sinngemäß: „Dich gebe ich nicht mehr her. Wir beide gehören zusammen.“
Für mich war das ein entscheidender Hinweis: Obwohl die Frau ihre Krankheiten bewusst unbedingt loswerden wollte, zeigte sich in der Aufstellung zunächst eine sehr starke Bindung an genau diese Krankheiten. Die spannende Frage war jetzt: Wozu brauchte sie diese Krankheiten? Welche Funktion hatten sie übernommen?
Die Spur führt in die Herkunftsfamilie
Im weiteren Verlauf der Aufstellung begann die eigentliche Ursachenforschung. Dabei führte die Spur in die mütterliche Herkunftsfamilie der Frau.
Ihre Großmutter hatte 16 Kinder bekommen. In der Aufstellung zeigte sich rund um diese Großmutter eine sehr schwere familiäre Geschichte. Ihre Stellvertreterin wirkte wie abwesend und flüchtete sich immer wieder ins Gebet. Es entstand der Eindruck einer Frau, die mit ihrem eigenen Schicksal und den Erfahrungen in ihrer Ehe vollkommen überfordert gewesen sein könnte.
Dann ließ ich meine Klientin selbst in ihre eigene Rolle treten. Sie stand weiterhin eng verbunden mit ihren Krankheiten. Also erinnerte ich sie an ihren ursprünglichen Wunsch: „Du wolltest doch deine Krankheiten loswerden.“
Um zu testen, was geschieht, wenn die Krankheiten plötzlich nicht mehr da wären, trennte ich sie symbolisch von ihnen. Ich habe die Kankheiten einfach mal temporär "gelöscht".
Ihre Reaktion kam unmittelbar: „Ach du Scheiße – jetzt sind die ja weg!“
Ich fragte sie: „Und was passiert jetzt?“
Ihre Antwort war für mich der entscheidende Moment der gesamten Aufstellung: „Jetzt muss ich ja hinschauen.“
„Wohin?“
„Auf das Chaos bei meiner Großmutter.“
Genau hier zeigte sich für mich die mögliche Funktion ihrer Krankheiten: Solange sie intensiv mit ihren eigenen Beschwerden beschäftigt war, musste sie auf dieses schwere Thema innerhalb ihrer Herkunftsfamilie nicht hinschauen.
Und damit hatten wir den ersten wichtigen Schritt erreicht: Wir hatten einen möglichen systemischen Zusammenhang gefunden. Jetzt kam der zweite Schritt – diesen Zusammenhang in der Aufstellung zu bearbeiten und die Verstrickung aufzulösen.
Die Verstrickung lösen – und etwas beginnt sich zu verändern
Nachdem deutlich geworden war, welche mögliche Funktion die Krankheiten übernommen hatten, konnten wir uns dem eigentlichen Thema zuwenden. Wir arbeiteten mit der Herkunftsfamilie und brachten Schritt für Schritt das in Ordnung, was sich in der Aufstellung gezeigt hatte.
Dabei ging es auch darum, Belastungen wieder dorthin zurückzugeben, wo sie hingehörten. Sinngemäß mit Sätzen wie: „Ich gebe euch zurück, was ich von euch übernommen und für euch getragen habe. Das gehört zu eurer Geschichte – und ich darf jetzt meinen eigenen Weg gehen.“
Während dieses Lösungsprozesses veränderte sich die Aufstellung deutlich. Der Stellvertreter für die Krankheiten, der zu Beginn noch so eng mit meiner Klientin verbunden gewesen war, entfernte sich immer weiter von ihr. Am Ende stand er weit weg am Fenster – fast so, als wolle er den Raum verlassen.
Gleichzeitig hatte ich anonym eine Stellvertreterin für die damals zehnjährige Tochter meiner Klientin aufgestellt. Zwischen Mutter und Tochter bestand zu dieser Zeit seit mehreren Jahren kaum beziehungsweise kein Kontakt, weil die Tochter keinen Kontakt zur Mutter wollte. Zu Beginn der Aufstellung stand ihre Stellvertreterin mit verschränkten Armen weit entfernt.
Doch während die Mutter ihre eigenen Schritte in der Aufstellung machte und sich innerhalb des Familiensystems etwas veränderte, begann auch die Stellvertreterin der Tochter aufzutauen. Sie öffnete sich und kam ihrer Mutter langsam wieder näher.
Für mich war das besonders eindrücklich: Wir hatten die Tochter gar nicht als eigentliches Problem aufgestellt. Trotzdem veränderte sich auch ihre Position, während die Mutter an ihren eigenen Verstrickungen arbeitete.
Was geschah nach der Familienaufstellung?
Für mich war das besonders eindrücklich: Wir hatten die Tochter gar nicht als eigentliches Problem aufgestellt. Trotzdem veränderte sich auch ihre Position, während die Mutter an ihren eigenen Verstrickungen arbeitete.
Keine zwei Wochen nach der Aufstellung geschah dann etwas, womit die Mutter überhaupt nicht gerechnet hatte: Ihre zehnjährige Tochter schrieb ihr einen langen, sehr persönlichen und schönen Brief. Nach der langen Zeit, in der kaum Kontakt zwischen den beiden möglich gewesen war, war das ein bewegender erster Schritt.
Für die Mutter war deutlich zu spüren: Zwischen ihr und ihrer Tochter war etwas in Bewegung gekommen – und der Weg ging wieder in die richtige Richtung.
Einige Zeit später begegnete ich der Frau wieder und fragte sie natürlich, wie es ihr inzwischen gehe. Sie erzählte mir, dass sich seit der Aufstellung einiges in ihrem Leben verändert hatte.
Der Kontakt zu ihrer Tochter hatte sich weiterentwickelt. Aus der jahrelangen Distanz war wieder eine Annäherung entstanden – ein Prozess, der bereits mit dem langen Brief ihrer Tochter kurz nach der Aufstellung begonnen hatte.
Aber auch in anderen Bereichen ihres Lebens kam Bewegung hinein. Sie fühlte sich deutlich besser, beruflich veränderte sie sich und arbeitete später auch nicht mehr in dem Reformhaus, in dem sich zuvor ein großer Teil ihres Lebens um Gesundheit, Krankheiten und die entsprechenden Mittel gedreht hatte.
Besonders interessant fand ich ihre Aussage, dass sie viele dieser Dinge, mit denen sie sich vorher so intensiv beschäftigt hatte, gar nicht mehr brauchte. Sie hatte das Gefühl, ihren eigenen Weg gefunden zu haben.
Für mich schloss sich damit der Kreis zu dem, was wir in der Aufstellung erlebt hatten: Am Anfang waren die Krankheiten fast wie ein fester Partner an ihrer Seite. Als wir uns dem dahinterliegenden familiären Thema zuwandten und daran arbeiteten, begann sich nicht nur dieses Bild zu verändern – auch in ihrem wirklichen Leben kam etwas in Bewegung.
Genau solche Erfahrungen sind es, die mich nach über 25 Jahren Aufstellungsarbeit immer wieder darin bestärken, bei einer Krankheit nicht nur zu fragen: „Wie bekomme ich das Symptom weg?“, sondern auch: „Warum ist es da – und was könnte dahinterstehen, was will sie mir zeigen?“
Krankheiten, Ursachen und Sinn – mein Ansatz im Video
In meinem Video „Krankheiten, Ursachen und Sinn“ gehe ich noch einmal ausführlicher auf meine Sichtweise ein. Ich erkläre, wie ich in einer Familienaufstellung mit Krankheiten und körperlichen Symptomen arbeite, warum ich nach möglichen Zusammenhängen im Familiensystem suche und welche Bedeutung eine Krankheit innerhalb einer Aufstellung bekommen kann.
Auch das Fallbeispiel aus diesem Beitrag erzähle ich dort ausführlich und beschreibe, wie sich die einzelnen Schritte der Aufstellung entwickelt haben.
Es gibt nicht die eine Ursache für eine Krankheit
Eine Frage wird mir im Zusammenhang mit Familienaufstellungen immer wieder gestellt: „Was ist denn die systemische Ursache für diese oder jene Krankheit?“
Meine Antwort darauf ist ganz klar: Es gibt nicht die eine Ursache.
Zwei Menschen können unter den gleichen Beschwerden leiden – und trotzdem kann sich in einer Familienaufstellung bei jedem von ihnen etwas vollkommen anderes zeigen. Bei dem einen führt die Spur vielleicht zu einem schweren Schicksal in der Herkunftsfamilie, bei einem anderen zu einem Verlust, einer nicht gesehenen Person oder einer übernommenen Belastung aus einer früheren Generation.
Ein eindrückliches Beispiel dafür findest du auch in meinem Beitrag „Depressionen – mögliche Ursachen aus systemischer Sicht“.
Deshalb arbeite ich auch nicht mit fertigen Tabellen nach dem Motto: Diese Krankheit bedeutet immer dieses Thema.
Warum sich hinter der gleichen Krankheit bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Zusammenhänge zeigen können, erkläre ich anhand mehrerer Fallbeispiele in meinem Beitrag „Was ist DIE Ursache für deine Krankheit?“
Für mich wäre das viel zu einfach. Entscheidend ist der einzelne Mensch mit seiner ganz persönlichen Geschichte und seinem Familiensystem.
Genau das macht die Aufstellungsarbeit für mich so spannend: Wir wissen vorher nicht, wohin uns die Aufstellung führt.
Wir stellen das Anliegen oder auch die Krankheit auf und schauen, was sich zeigt.
Erst daraus entwickelt sich Schritt für Schritt ein kraftvoller Lösungsweg.
Hast du noch Fragen oder bist du unsicher?
Vielleicht beschäftigst du dich schon länger mit einer Krankheit oder körperlichen Beschwerden und möchtest herausfinden, ob neben den bekannten Ursachen möglicherweise auch Zusammenhänge innerhalb deiner Familiengeschichte eine Rolle spielen könnten.
In einem kostenlosen telefonischen Erstgespräch von etwa 60 Minuten können wir gemeinsam auf dein Anliegen schauen. Ich stelle dir Fragen zu deiner persönlichen und familiären Geschichte und wir schauen, ob eine Familienaufstellung für dich ein möglicher Lösungsweg sein könnte.






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