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Bettnässen bei Kindern – mögliche Ursachen aus systemischer Sicht

9. Sept.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Bettnässen bei Kindern kann viele unterschiedliche Ursachen haben. Neben körperlichen und medizinischen Gründen können auch emotionale Belastungen oder Zusammenhänge innerhalb des Familiensystems eine Rolle spielen. Eine Familienaufstellung kann dabei helfen, mögliche unbewusste Ursachen hinter dem Bettnässen sichtbar zu machen und in der Aufstellungsarbeit die dahinterliegenden Zusammenhänge nicht nur zu erkennen, sondern auch aktiv an ihrer Auflösung zu arbeiten.


Warum nässen Kinder nachts noch ein?

Bettnässen ist bei Kindern zunächst nichts Ungewöhnliches. Wann ein Kind nachts zuverlässig trocken wird, ist individuell sehr unterschiedlich. Hält das Bettnässen jedoch länger an oder beginnt ein bereits trockenes Kind plötzlich wieder einzunässen, fragen sich viele Eltern, was dahinterstecken könnte.

Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein. Deshalb sollten zunächst mögliche körperliche oder medizinische Gründe abgeklärt werden. Gleichzeitig lohnt sich manchmal auch ein Blick auf die emotionale Situation des Kindes und auf Veränderungen oder Belastungen innerhalb der Familie.


Was kann Bettnässen aus systemischer Sicht bedeuten?

Aus systemischer Sicht wird das Bettnässen nicht isoliert als Problem des Kindes betrachtet. Die Frage lautet vielmehr: Könnte das Symptom mit etwas verbunden sein, das innerhalb des Familiensystems wirkt?

Kinder können sehr fein auf Spannungen, Verluste, Trennungen, unausgesprochene Konflikte oder andere Belastungen innerhalb einer Familie reagieren. Dabei geht es nicht darum, Eltern oder anderen Familienmitgliedern eine Schuld zuzuweisen. Vielmehr kann eine Familienaufstellung helfen zu untersuchen, ob hinter dem Bettnässen eine unbewusste familiäre Dynamik steht, die bislang nicht gesehen wurde.


Auch bei körperlichen Symptomen gibt es aus meiner Sicht nicht die eine systemische Ursache. Warum ich bei Krankheiten immer individuell nach möglichen Zusammenhängen im Familiensystem suche, beschreibe ich ausführlicher in meinem Beitrag „Krankheiten – mögliche Ursachen und ihre Bedeutung aus systemischer Sicht“.


Ein Beispiel aus einer Familienaufstellung: Ein achtjähriger Junge, der immer nachts einnässte

Vor vielen Jahren erlebte ich während eines Seminars eine Familienaufstellung, die mir bis heute sehr deutlich in Erinnerung geblieben ist.

Eine Mutter berichtete von ihrem achtjährigen Sohn, der jede Nacht stark einnässte. Sie hatte bereits vieles versucht: verschiedene Therapien, eine Kur und Medikamente. Nichts hatte die Situation verändert. Die Familienaufstellung war nach ihren eigenen Worten ihre letzte Hoffnung, noch etwas für ihren Sohn tun zu können.

Für die Aufstellung wurden zunächst zwei Stellvertreter ausgewählt: einer für die Mutter und einer für ihren Sohn.

Schon unmittelbar nach Beginn zeigte der Stellvertreter des Jungen eine auffällige Reaktion. Obwohl er das Kind nicht kannte, stand er plötzlich mit zusammengepressten Beinen da, die Hände im Schritt, und hatte das starke Gefühl, dringend zur Toilette zu müssen.

Gleichzeitig begann die Stellvertreterin der Mutter, sich suchend umzusehen und unter anderem unter die Stühle zu schauen. Daraufhin fragte der Aufstellungsleiter die Mutter, wo ihr Mann sei.

Die Mutter erklärte, dass ihr Mann – der Vater des Jungen – zwei Jahre zuvor bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.

Daraufhin wurde auch für den verstorbenen Vater ein Stellvertreter in die Aufstellung genommen.

Dieser Stellvertreter war damals ich.

Als ich in dieser Rolle der Stellvertreterin seiner Frau gegenüberstand, entstand bei mir sehr schnell ein starkes Empfinden: Sie hält mich fest. Sie klammert. Sie lässt mich nicht gehen.

In diesem Moment begann die tatsächliche Mutter zu weinen und sagte sinngemäß:

„Der Mann hat recht. Ich werde damit nicht fertig, dass mein Mann nicht wiederkommt. Ich denke selbst nach zwei Jahren noch immer, gleich klingelt es an der Haustür und er ist wieder da.“


Was geschah während des Lösungsprozesses?

m weiteren Verlauf der Aufstellung kam die Mutter selbst in ihre Rolle und stand mir als Stellvertreter ihres verstorbenen Mannes gegenüber.

Nun ging es darum, ihren Mann innerlich wirklich loszulassen. Zunächst versuchte sie es mit Worten, doch es war spürbar, dass diese noch nicht die notwendige Kraft hatten. Erst als die Emotionen wirklich zugelassen wurden, veränderte sich etwas.

Sie kam auf mich zu, nahm mich in den Arm und verabschiedete sich von ihrem Mann. Sinngemäß sagte sie:

„Ich habe es verstanden. Danke für alles. Du bist frei. Ich lasse dich gehen.“

In diesem Moment konnte ich als Stellvertreter unmittelbar eine Veränderung wahrnehmen. Für mich fühlte es sich an, als wäre das Festhalten plötzlich vorbei. Ich legte mich auf den Boden, schloss die Augen und hatte das Empfinden: Jetzt ist es in Ordnung. Jetzt darf ich gehen.

Doch besonders bemerkenswert war, was gleichzeitig beim Stellvertreter des achtjährigen Jungen geschah.

Der Mann, der während der gesamten Aufstellung mit zusammengepressten Beinen dagestanden und einen starken Druck auf seiner Blase gespürt hatte, entspannte sich plötzlich. Sinngemäß sagte er:

„Gott sei Dank seid ihr endlich fertig. Ich dachte schon, ich mache mir hier gleich in die Hose. Aber jetzt ist der Druck weg.“

Damit war die Aufstellung beendet.


Was berichtete die Mutter ein halbes Jahr später?

Etwa ein halbes Jahr nach dieser Familienaufstellung schrieb die Mutter dem Aufstellungsleiter einen Brief. Ich habe diesen Brief damals selbst gesehen.

Darin erinnerte sie noch einmal an die Aufstellung wegen ihres achtjährigen Sohnes und berichtete, was seitdem geschehen war:

Seit der Familienaufstellung hatte ihr Sohn kein einziges Mal mehr ins Bett gemacht.

Für mich war diese Rückmeldung besonders eindrücklich. Denn am Kind selbst war während der Aufstellung nichts direkt „behandelt“ worden. Der Junge war nicht einmal anwesend. Gearbeitet hatte seine Mutter – an ihrer eigenen Trauer, ihrer Bindung an ihren verstorbenen Mann und daran, ihn innerlich loslassen zu können.

Die zeitliche Veränderung beim Sohn nach dieser Aufstellung ist eine persönliche Erfahrung aus diesem konkreten Fall. Sie beweist nicht, dass Familienaufstellungen Bettnässen grundsätzlich beseitigen können. Sie zeigt jedoch sehr anschaulich, weshalb es sich lohnen kann, bei wiederkehrenden Problemen eines Kindes auch die möglichen Zusammenhänge innerhalb des Familiensystems zu betrachten.


Systemische Erklärung: Kinder übernehmen oft das Leiden oder Schicksal ihrer Eltern

Kinder haben sehr feine Antennen dafür, wie es ihren Eltern geht. Aus systemischer Sicht erleben wir immer wieder, dass Kinder unbewusst Leiden, Belastungen oder sogar Schicksale ihrer Eltern übernehmen oder spiegeln. Sie tun dies nicht bewusst und auch nicht, weil jemand daran „schuld“ ist. Es ist vielmehr eine tiefe, unbewusste Bindung innerhalb des Familiensystems.

Ich beschreibe diesen Vorgang gerne mit einem einfachen Satz:

„Mama oder Papa – lieber leide ich, bevor du leidest.“

In diesem Fall könnte man es sinngemäß so ausdrücken:

„Mama, lieber klammere ich, bevor du klammerst.“

In der Familienaufstellung konnte die Mutter erkennen, wie sehr sie ihren verstorbenen Mann noch festhielt. Im Lösungsprozess gelang es ihr, Abschied zu nehmen, ihn innerlich loszulassen und sich selbst wieder dem eigenen Leben zuzuwenden.

Systemisch betrachtet könnte sich dadurch auch für das Kind etwas verändert haben. Auf einer unbewussten Ebene könnte man es mit den Worten des Kindes so beschreiben:

„Mama klammert nicht mehr. Mama leidet nicht mehr. Dann bin ich frei und brauche auch nicht mehr zu klammern. Ich darf wieder Kind sein und spielen gehen.“

Genau darin liegt für mich eine besondere Kraft der Familienaufstellung: Wenn sich bei den Eltern etwas löst und sie wieder mehr in ihr eigenes Leben und ihr eigenes Glück finden, können auch Kinder aus einer unbewussten Verstrickung herausfinden.

Und dann kann Veränderung – oft auch Heilung – geschehen.


Was bedeutet das für Eltern betroffener Kinder?

Wenn ein Kind ein auffälliges Verhalten zeigt oder unter wiederkehrenden Beschwerden leidet, richtet sich der Blick verständlicherweise zunächst auf das Kind. Was hat es? Warum macht es das? Und wie können wir ihm helfen?

In der systemischen Familienaufstellung verändern wir die Blickrichtung. Wir fragen nicht nur: „Was ist mit dem Kind?“, sondern auch: „Was könnte sich im Familiensystem zeigen?“

Wenn Eltern mit einem sogenannten „Problemkind“ zu mir kommen, sage ich häufig:

„Euer Kind könnt ihr wieder nach Hause schicken. Ihr beide bleibt hier.“

Denn in der Familienaufstellung geht es nicht darum, Eltern die Schuld für die Probleme ihres Kindes zu geben. Um Schuld geht es in dieser Arbeit überhaupt nicht.

Es geht darum, mögliche Ursachen und Zusammenhänge im Familiensystem sichtbar zu machen und anschließend mit dem, was sich in der Aufstellung zeigt, auch wirklich zu arbeiten und nach einer Lösung zu suchen.

Aus systemischer Sicht liegt der Ursprung einer solchen Verstrickung häufig nicht beim Kind selbst. Das Kind kann vielmehr etwas tragen, spiegeln oder übernehmen, dessen Ursprung in den Generationen davor liegt – bei den Eltern, Großeltern oder manchmal noch weiter zurück.

Deshalb arbeite ich nicht am Kind, sondern mit den Erwachsenen und dem Familiensystem dahinter. Wenn dort etwas erkannt, geordnet und gelöst werden kann, muss das Kind möglicherweise nicht länger tragen, was ursprünglich gar nicht zu ihm gehört.


Das Beispiel im Video: Bettnässen bei Kindern und Familienaufstellung

In diesem Video erzähle ich diese Familienaufstellung noch einmal persönlich und erkläre, was damals geschehen ist und wie ich den Zusammenhang aus systemischer Sicht verstehe.


Kann eine Familienaufstellung auch bei anderen Problemen von Kindern helfen?

Dieses Beispiel zeigt nur eine von vielen möglichen Dynamiken, die sich hinter einem Problem zeigen können. Es gibt nicht die eine systemische Ursache für Bettnässen, Ängste, auffälliges Verhalten oder andere Beschwerden bei Kindern. Jeder Mensch und jedes Familiensystem ist anders.

In einer Familienaufstellung schauen wir deshalb nicht nach vorgefertigten Erklärungen, sondern darauf, was sich im individuellen Familiensystem tatsächlich zeigt. Dabei können Zusammenhänge sichtbar werden, die über Generationen hinweg wirken und bislang nicht bewusst wahrgenommen wurden.

Wenn du wissen möchtest, ob eine Familienaufstellung für dein eigenes Thema oder für eine Situation in deiner Familie sinnvoll sein könnte, können wir das gerne in einem kostenlosen Erstgespräch gemeinsam anschauen.

Kostenloses Erstgespräch zur Familienaufstellung mit Olaf Scharlemann

Weitere Lösungswege mit Familienaufstellung

Auch bei seelischen Belastungen können sich in einer Familienaufstellung unbewusste Verbindungen innerhalb des Familiensystems zeigen. In meinem Beitrag „Depressionen – mögliche Ursachen aus systemischer Sicht“ beschreibe ich anhand eines eindrücklichen Fallbeispiels, welche Rolle ein nicht gesehener Angehöriger spielen kann und wie daraus ein möglicher Lösungsweg entstand.

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